Vernissage - Festspielgeflüster neu

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Holk Freytag zur Eröffnung der Ausstellung  
Figürliche Plastik von Kathrin Gebhardt-Nieselt im Grebekeller am 29. Mai 2019

Liebe Kathrin Gebhardt-Nieselt,

Meine Damen und Herren,

vielleicht ist dies eine historische Stunde in unserem schönen Städtchen. Wir treffen uns im historischen Grebe Keller Gewölbe, das uns alle mittlerweile mit ganz und gar theatralisch-musikalischen Unternehmungen verbindet und plötzlich drängt sich da eine ganz andere Kunstdisziplin auf. Ich denke, wir sollten den Eindringling aufs herzlichste willkommen heißen – sein Erscheinen war in diesen Räumen überfällig. Denn so wie der Tanz dem Drama immer schon fünfzig Jahre voraus war und ist, war die Bildende Kunst dem gesprochenen Wort ein früher Chronist und Deuter: die präzisesten Einblicke ins antike Theater verdanken wir den griechischen Vasen, in den Tanz-Impressionen eines Edgar Dégas erkennen wir mehr Details über die Technik des französischen Tanzes im 19- Jahrhundert, als jede Fotografie es leisten könnte und Dantes Göttliche Komödie lernen wir erst durch Robert Rauschenberg wirklich kennen.
Aber auch über die deutende Chronik hinaus ist die Bildende Kunst seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts zum Motor für das Theater geworden. Denken wir nur an Diaghilevs Ballet Russe, für das so illustre Zeitgenossen wie Picasso, Matisse und Miró gearbeitet haben – oder an Kokoschka, an Edward Gordon Craig an Adolphe Appia, an Chagall. Nein, das Theater ist ohne die Bildende Kunst nicht mehr denkbar – und deshalb freue ich mich über die Maßen, dass sie endlich auch Einzug hält in den Grebe Keller. Und ich danke allen, die das hier möglich gemacht haben, allen voran unserem Impresario Götz Geißler, der alle denkbar unbequemen Arbeiten auf sich genommen hat, damit dieser Raum heute so aussieht, wie er sich Ihnen präsentiert. Aber auch Jürgen Uhrig, Didi Bauer und den guten Geistern des diesem Theater angeschlossenen Haushaltswarengeschäftes.
Die Liaison zwischen der Bühne und der bildenden Kunst ist eine flatterhafte, erklärt uns Petra Kipphoff in einem vielzitierten Aufsatz in der ZEIT vom März 1987. Und gerade dieses Prinzip des Flatterhaften, das allein die Bildende Kunst in diese merkwürdige Beziehung der Abhängigkeit bringt, macht es so reizvoll und erhellend, denn die Bildende Kunst erkennt die wirkliche Wahrheit hinter dem Gegenständlichen, das stets dem Theater eigen ist. Oft ist es erst die Überzeichnung, die den wahren Charakter einer Figur, eines Dialogs, einer Handlung deutlich macht. Ein Schauspieler kann körperlich nicht über sich hinauswachsen, er kann sich auf die Zehen Stellen und dann noch auf einen Stuhl, wenn er ausdrücken möchte, dass er allen anderen um ihn herum überlegen ist – die Bildende Kunst kann die Figur ins Unendliche steigern und das tollste ist, wir glauben ihr, wir erkennen in ihr den wahren Charakter. So wie Sie das Wesentliche über den Stierkampf nicht etwa in einer Stierkampfarena erfahren, sondern in den Zeichnungen von Picasso.
Meine Damen und Herren, Sie haben längst bemerkt, dass ich über die Arbeiten von  Kathrin Gebhardt-Nieselt spreche. Durch mein und meiner Frau Haus fliegt seit zwei Jahren ein emsiger Engel, der offenbar viel beschäftigt ist, sich daher für alle Eventualitäten gerüstet hat, das entsprechende Schuhwerk angelegt hat und natürlich eine Handtasche mit sich trägt, man weiß schließlich nie, in welche Situationen ein Engel noch geraten wird. Diese Figur von Kathrin Gebhardt-Nieselt, dachte ich immer, ist ein Kosmos in sich, ist in Wirklichkeit eine Theaterfigur und als Renate Schmidtlein vor einigen Monaten in unserem geliebten Kaffeehaus gegenüber den Vorschlag machte, Kathrin Gebhardt-Nieselt zu fragen, ob sie den Ausstellungsreigen in einer neuen Grebe Keller Galerie eröffnen möchte, gab es für Götz und mich keine zweite Überlegung.  
Und nun steht sie da, unsere erste Ausstellung.  Es ist ein Theater-Panoptikum, in das Sie, meine Damen und Herren, da geraten sind. Ich könnte Ihnen die einzelnen Figuren jetzt vorstellen – aber wie langweilig wäre das – schauen Sie den Figuren in die Augen und Sie werden sie alle wiederfinden, die sie vom Theater kennen. Ich verrate Ihnen, selbst Hamlet, die berühmten drei Hexen aus Macbeth und König Lear können sie treffen – wenn Sie es wollen und wenn Sie sich dem Zauber dieser Figuren ganz aussetzen. Halten Sie Zwiesprache mit Ihnen und Sie werden sich wundern, was Sie zu hören bekommen. So wie Sie bei längerem Anblick von Monets Seerosen irgendwann die Musik von Claude Debussy hören. So werden Kathrins Figuren Ihnen unsterbliche Verse der Weltliteratur vortragen – und in einem ganz besonderen Licht erscheinen lassen.
Jede Kunst hat ihre Wurzeln, ist Ergebnis von Geschichte, Einflüssen von gelebten Vorlieben und geliebten Vorleben – und deshalb ist es nicht verboten, an Giacometti – manchmal auch an Picasso zu denken. Aber Kathrin Gebhard-Nieselt hat eine ganz eigene Welt – die Welt der Leichtigkeit des Seins, die nicht zu verwechseln ist mit einer Welt der Leichtfertigkeit. Mich fasziniert die stets schwingende Linienführung und der stets intelligent versteckte Humor in ihren Figuren und des großen Lessings Minna von Barnhelm kommt mir in den Sinn: Kann man nicht auch lachend sehr ernsthaft sein? Kathrin Gebhardt-Nieselt hat sich und uns ihr ganz eigenes Welttheater gebaut – es ist ein Welttheater der Großen Einzelnen, die unter ihren Händen plötzlich wieder ganz nah rücken - und es ist ein Welttheater der Kleinen, die sich so lange recken, bis auch sie zu den Großen gehören.
Liebe Kathrin Gebhardt-Nieselt, danke, dass Sie uns diese Ausstellung gebaut haben. Sie wird uns eine Weile begleiten und ich darf hinzufügen, dass Sie, meine Damen und Herren, sich die eine oder andere Figur auch gegen ein geringes Entgelt in Ihr eigenes Welttheater zuhause einladen können.  

Kathrin, Sie haben das Wort.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


 
 
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